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Die Gnathologie entsprang aus der Zusammenführung der These Gysi´s, dass die Kiefergelenke die Bewegung des Unterkiefers definierten, mit der von Hanau, dass die menschlichen Kiefergelenke funktionierten wie eine gleitend gelagerte Drehachse. Stuart und McCullum ersetzten die bis dahin übliche Orientierung des Unterkiefers nach dem Bowill´schen Dreieck (der Oberkiefer wurde nach der Bissnahme dazu artikuliert) durch die Gesichtsbogenübertragung des Oberkiefermodells.

Bis heute bleibt diese Vorgehensweise kaum hinterfragt. Meist arbeiten wir mit Artikulatoren, welche zwar eine Vor- und Seitbewegung der Kondylen erlauben, nicht aber eine Rückbewegung. Dreh- und Angelpunkt, und zugleich Referenz für die Modellübertragung bleibt die Scharnierachse. Ist diese im Menschen eine postulierte Verbindungslinie zwischen den beiden Gelenkkondylen, so bildet sie im Artikulator das Zentrum der Steuerungsmechanik.

Seit den 50-er Jahren haben wir aber viel über die Gelenkfunktion gelernt und wissen, dass es sowohl Fehlstellungen, als auch Verformungen der Kiefergelenke gibt.

  1. Fehlstellungen der Kiefergelenke: Farrar hat als erstes die anteriore Diskusverlagerung beschrieben, und zwischenzeitlich können Diskusverlagerungen in andere Richtungen problemlos mit MRI dargestellt werden. Ist aber ein Diskus nicht dort anzutreffen "wo er hingehört", so ist auch der Raum dort, wo er vom Diskus aufrecht erhalten werden soll, verloren gegangen. Bei der anterioren Diskusverlagerung kollabiert der Gelenkspalt, die Kondyle steht zu weit superior und retral.
    Das okklusale System und die Kiefergelenke sind außerordentlich anpassungsfähig. Steht also ein Patient mit einer Diskusverlagerung vor uns, der dennoch die Zahnreihen ordentlich ineinander fügen kann, so müssen wir uns vor Augen halten, dass es bei diesen Gegebenheiten für ihn notwendig ist, den Diskus zu verlagern, oder verlagert zu halten, damit der Gelenkspalt so kollabiert werden kann, dass seine Zahnreihen ineinander gefügt werden können. Es ist dann wenig erstaunlich, dass dies mit erheblichen Muskelverspannungen einhergehen kann, welche ihrerseits Probleme in Form von Schmerzen verursachen können.
    Bei einer solchen Fehlstellung der Kondyle muss entsprechend auch die Scharnierachse verlagert sein. Sie weicht in drei Ebenen von den anderen Schädelebenen ab und taugt eigentlich nicht mehr als Referenz für die Modellübertragung, denn die Modelle würden nun mit Referenz zu pathologisch verlagerten Ebenen in den Artikulator eingestellt, der Artikulator würde den Unterkiefer entsprechend asymmetrisch bewegen, es käme zur Herstellung von asymmetrischen Kauflächen und zur Notwendigkeit zu deren Korrektur nach der Eingliederung, oder zur zusätzlichen Adaption durch den Patienten.
    Auch bei der Axiographie muss bedacht werden, dass von einer verlagerten Startstellung aus aufgezeichnet wird, das heißt, dass die Aufzeichnung zu entsprechend verfälschten Vektor- und Winkelwerten führt.
  2. Verformungen der Kiefergelenke: Mongini hat beschrieben, wie stark die Gelenkkondylen, z. B. nach Einkleben retral eingestellter Kauflächen, sich verformen. Solche Verformungen können ebenfalls zweifach zum Ausdruck kommen: Nach dem so genannten "Remodelling" liegen andere Raumverhältnisse vor, der funktionelle Anteil des aufsteigenden Ast des Unterkiefers kann sich in seiner Dimension geändert haben, so dass der alveoläre Prozess nicht mehr parallel zu den horizontalen Schädelebenen steht. Selbstverständlich trifft das gleiche auf die Dimensionen in den anderen Ebenen zu.
    Außerdem hat Mongini beobachtet, dass durch Remodelling verformte Kiefergelenke zu substantiell anderen Grenzbewegungen in der Lage sind.  Die Axiographie zur Ermittlung der Einstellwerte für den Artikulator kann hier also zur Einstellung pathologischer Werte führen, welche ebenfalls wieder in der Konstruktion asymmetrischer Kauflächen münden würde, statt in einer Korrektur des pathologischen Wechselspieles.

Stuart und McCullum glaubten, wie sie es in ihrem Buch auch ausdrücklich formulierten, in der Scharnierachse eine zentrale und unveränderliche Referenz gefunden zu haben, eine Annahme, von der wir heute wissen, dass sie falsch war. Bietet aber die Scharnierachse dann wenigstens beim gesunden Menschen ohne Diskusverlagerung und Formveränderung der Kondylen eine funktionelle  Referenz? Stimmt wenigstens das Grundaxiom, dass es die Kiefergelenke sind, welche die Kieferbewegung definieren? Mit der heute erhältlichen Messtechnik ist es nicht schwierig für jeden, sich diese Frage selbst zu beantworten. Die folgenden zwei Aufzeichnungen wurden mit dem System der Firma Zebris erstellt, sie untersuchen die Kieferbewegung beim gleichen Patienten (mit den gleichen Kiefergelenken) bei unterschiedlichen Körperhaltungen.

  

Links die Aufzeichnung der "Scharnierbewegung". Der Patient befindet sich in Rückenlage, sein Unterkiefer wird in der gewohnten Weise vom Zahnarzt manipuliert. Bei einem Bewegungsausmaß von etwa 10 mm zwischen den Schneidekanten ergibt sich zwar nicht das statische Bewegungszentrum einer Scharnierachse, aber das Gerät errechnet den Verlauf der "helical axis" (fluktuierenden Achse) relativ dicht am gemessenen Zentrum der Gelenkkondylen. Rechts die gleiche Aufzeichnung, allerdings mit dem Patienten nun in aufrechter Haltung und ohne Manipulation durch den Zahnarzt. In diesem Zustand kann man noch weniger von einem statischen Bewegungszentrum sprechen und die helical axis wird nun in einem Bereich um etwa 20 mm kaudal und 30 mm retral zum Zentrum der Gelenkkondylen errechnet. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass dies der Bereich des Mastoids ist, also der Bereich, in dem Bennett bereits 1908 das Zentrum für eine Bewegung des Unterkiefers zwischen interkuspidaler Position und Ruhe-Schwebe beschrieb.

Der Blick sei auch noch auf ein anderes Detail gerichtet: Anterior sieht man den Verlauf der Bewegung am Schneidezahnpunkt dargestellt. Es fällt auf, das diese Bewegung in beiden Aufzeichnungen einen deutlich unterschiedlichen Vektor aufweist. Die Situation links entspricht dabei der, wie sie im Artikulator mit nach Gesichtsbogen übertragenen Modellen wiedergegeben wird: Beim Absenken im Artikulator gerät der Unterkiefer weiter nach anterior, beim Heben weiter nach posterior, als es der ungezwungenen Bewegung bei aufrechter Körperhaltung entsprechen würde. Die ist vor allem bei der Anwendung von Techniken, bei denen der Biss bei einer gehobenen Situation registriert wird, von Bedeutung, wie z. B. beim Stützstiftregistrat. Wird das UK-Modell mit dem gesperrten Biss einartikuliert und dann im Artikulator abgesenkt, so entsteht eine UK-Position, welche weiter anterior liegt, als beabsichtigt.

Man sieht also, dass die klassische Gnathologie im Lichte des heutigen Kenntnisstandes betrachtet auf einem recht brüchigen Unterbau steht, die ursprünglichen Axiome, besonders in Bezug auf die Scharnierachse, nicht mehr tragfähig sind. Und doch, ohne die Gnathologie wäre auch das ITMR nie entstanden. Mit den Worten Dr. Walter Schöttls: Es entstand wenigstens für eine gewisse Zeit Ordnung im Chaos, das vor der Ganthologie herrschte. Man konnte sich der Lösung von handwerklichen Fragen zuwenden, die Zahntechnik fand den Weg in eine Präzisionstechnik.

Wenn wir heute erkennen, dass die Prinzipien der Gnathologie einer eingehenden Prüfung nicht länger standhalten, so heißt das noch lange nicht, dass man getrost zur Schlamperei zurückkehren kann und wieder nach Augenmaß arbeiten soll. Das akribische handwerkliche Vorgehen ist vielleicht der Grund, warum die Gnathologie trotz ihrer Fehler funktionieren konnte, denn es mag immer noch besser sein, eine störungsfreie Okklusion am falschen Platz umzusetzen, als eine instabile, störkontaktbeladene in einer neuromuskulär neutralen Kieferlage. Keine Frage: Das schönste ist freilich, wenn man es versteht, eine stabile und störungsfreie Okklusion in einer neuromuskulär neutralen Kieferlage zu gestalten!

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Copyright: Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, 1999. Letzte Revision: 27. August 2006.
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