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Kliniker stehen oft auf Kriegsfuß mit der EBM (Evidence Based Medicine). Die Evidenz zu beurteilen ist aber nichts Negatives an sich, so lange dies unvoreingenommen geschieht und nicht zum Nutzen der einen oder anderen Interessensgruppe. Interessant wird es hier im Bezug auf die CMD, wenn man sich mit der Evidenz für so genannte evidenzbasierte Modelle beschäftigt, wie aus einem von Ververs et al. 2004 in der DZZ veröffentlichten Arbeit hervorgeht. Auf den Punkt gebracht, lässt sich der Artikel wie folgt zusammenfassen:

"Eine multikausale Ätiologie der CMD (kraniomandibuläre Dysfunktion) wird allgemein von vielen Autoren angenommen.

Gemäß dem biopsychosozialen Modell gibt es drei Hauptgruppen von ätiologischen Ursachen: Die erste Gruppe umfasst okklusal-anatomische Faktoren, wie okklusale Interferenzen und das Fehlen von Zähnen in den distalen Stützzonen. Die zweite Gruppe beinhaltet neuromuskuläre Faktoren, wie Parafunktionen und Gewohnheiten (Habits). Die dritte Gruppe berücksichtigt psychosoziale Faktoren, wie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Stress, traumatische Lebensereignisse (Scheidung, Arbeitslosigkeit, Tod von Angehörigen) und kulturelle Aspekte. Diese drei Gruppen können sich gegenseitig beeinflussen. Der relative spezifische Anteil jeder Gruppe wirkt bei jedem Patienten mehr oder weniger ausgeprägt, wodurch verschiedene Symptomprofile entstehen können.

Diese Literaturrecherche diente dazu, festzustellen, inwieweit das oben genannte ätiologische Konzept auf Untersuchungen mit hoher methodischer Qualität basiert. Entsprechend den zugrunde gelegten Suchkriterien konnten nicht viele Studien mit hoher methodischer Qualität bezüglich der multifaktoriellen Ätiologie der kraniomandibulären Dysfunktion gefunden werden. Deshalb sind die gefundenen Aussagen über die multifaktorielle Ätiologie nicht wissenschaftlich fundiert."

Der gesamte Text kann unter http://www.zahnheilkunde.de/beitragpdf/pdf_2255.pdf eingesehen werden. Letzten Endes zeigt sich bei distanzierter Betrachtung, wie wenig Konsens in Bezug auf die CMD besteht und wie wenig wir gesichert darüber wissen. Es sind Interessensgruppen, welche jeweils die ihre Betrachtung als "wissenschaftlich" darstellen, den das gilt häufig als Synonym für "wahr".

Allgemein bedient sich die Rechtssprechung gerne biopsychischer Modelle, wie der Schweizer J. Jeger aus dem Blickwinkel der Evidenz-basierten Medizin selbst darlegt, und zwar aus folgenden Gründen:

• Durch soziale Umstände bedingte krankhafte Störungen bessern wieder, wenn die sozialen Stressoren wegfallen.
• Psychosozial bedingte krankhafte Störungen entsprechen deshalb nicht der Definition des langdauernden Gesundheitsschadens.

So sind wir heute so weit, dass unter dem Deckmantel der angeblichen Wissenschaft solche biopsychischen Eigenschaften inzwischen auch der CMD zugeschrieben werden, obwohl wir diese noch nicht einmal gesichert zu beschrieben vermögen (siehe Temporomandibuäre Dysfunktion: Biopsychosoziales statt funktionelles Schmerzmodell, unteres Viertel der Seite). Man spricht von einer Gutartigkeit und Selbstlimitation der CMD, davon, dass sie "normalerweise überhaupt kein eindeutiges anatomisches Substrat habe" und sicher so gut wie keine Relation zur Okklusion. Im Widerspruch zu den eigenen Thesen billigt man zu, dass zahnärztliche okklusale Eingriffe die CMD auslösen können, obwohl sie diese angeblich so gut wie nie zu heilen vermögen.

So lange wir nicht gesichert wissen, wovon wir sprechen, müssen wir uns auf klinische Beobachtungen stützen. Hierbei dürfte das im ITMR empfohlene Vorgehen, durch simple klinische Tests im Einzelfall zu differenzieren, welcher Patient von einer Okklusaltherapie profitieren kann, und welcher nicht, nach wie vor am sinnvollsten sein, denn es gilt angesichts einer unzureichend verstandenen Problematik nicht nur die Gefahr der Übertherapie zu vermeiden, sondern auch die der Untertherapie!
 

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Copyright: Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, 1999. Letzte Revision: 27. August 2006.
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