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Evidence based medicine (EBM) liefert seit einiger Zeit schier unerschöpflichen Gesprächsstoff. ISO-Norm-ähnliche Vorgaben sollen in der Heilkunde Einzug halten, der Scharlatanerie Einhalt gebieten, wissenschaftliche Maßstäbe anlegen. Zuerst soll man hierfür das Wort "Evidenz" umdefinieren. Evident ist nicht länger, was offensichtlich und logisch ist, sondern das, wofür sich in der wissenschaftlichen Literatur Textstellen finden lassen. Dabei unterteilt man auch noch in unterschiedliche Evidenzstufen: Am evidentesten ist das, was in möglichst großer Zahl, zufällig (randomisiert) und doppelt blind feststellbar ist. Völlig klar ist, dass es dem Arzt im Umgang mit seinem Patienten schwer fallen kann, seinen Patienten und sich selbst objektiv zu sehen. Jede menschlich Interaktion enthält emotionelle und subjektive Komponenten, ja, vielleicht gibt es diese Faktoren überhaupt nur, damit wir miteinander umgehen und kommunizieren können! Vielleicht sind es sogar gerade diese Faktoren, die so heilsam wirken können wie eine Arznei und dennoch in der heutigen Medizin immer weniger Beachtung finden. Dennoch, die Gefahr, dass ein Arzt sich Methoden verschreibt, die objektiv gesehen die Heilwirkung nicht besitzen, die er sich vorstellt, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Breitenuntersuchungen und Statistiken können die Bedürfnisse der Massen ausdrücken. In vielen Bereichen ist es wichtig, diese zu kennen. Ob hier wirklich die Medizin dazugezählt werden muss ist aber fraglich, vor allem, wenn es um schlecht verstandene chronische Prozesse geht. Spätestens dort, wo Probleme, über deren Definition man sich noch gar nicht einig ist, bewertet werden sollen, ist es unsinnig, Hoffnung in Statistiken zu setzen. Bei allem Unerforschten und Neuen ist es wichtig, neue Ideen zu entwickeln und der menschlichen Intelligenz, Intuition und Logik Raum zu geben. Wie hätte man sonst je die neue Welt entdecken können, woher soll beim Betreten von jedwedem Neuland die literarische Evidenz kommen? Bei der Cranio-Mandibulären Dysfunktion (CMD) besteht noch nicht einmal Einigkeit bei deren Definition und Diagnose, noch weniger bei deren Pathogenese. Man ist hier jahrzehntelang von einem mechanischen Gedankenmodell ausgegangen, bei dem der Mechanik der Kiefergelenken und der sie verbindenden Scharnierachse oberste Priorität eingeräumt wurde. Manche Vorgehensweisen der Gnathologie wurden randomisierten Studien unterzogen, und es ist im Nachhinein in der Tat keine wissenschaftliche Evidenz für sie zu belegen. Es ist gut, das zu wissen und es wäre weise, dies genau zu hinterfragen. Auf der anderen Seite beweisen Studien, die z. B. trizyklische Wirkstoffe, (z. B. Amitryptilin®) wenig oder nichts, denn diese Stoffe verändern auch unspezifisch das Schmerzempfinden des Menschen. Zwar lässt sich so eine imposante Statistik generieren, eine klinisch relevante Aussage bezüglich Pathogenese, etc., kommt aber dennoch nicht zustande. Gezeigt wird so nur, dass ein Schrotschuss eine verständlicher Wirkung hat, als ein Nadelstich, auch wenn letzterer, wohl platziert, eine viel positivere Wirkung haben könnte, und das so gänzlich ohne die "Kolateralschäden" des ersteren. Wie alles Menschengemachte weist auch die EBM Schwächen auf. Jedes Glied der Kette zur Evidenz birgt Gefahren:
Die objektive Wahrheitsfindung auf der einen und die Selbstdarstellung als Mittel zum Zweck auf der anderen Seite, das sind also zwei Gegenpole in der EBM. Wie soll man da erkennen, was den einen oder anderen Autoren treibt? Und doch, es steht schon lange geschrieben: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!" |
Copyright: Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, 1999. Letzte Revision: 27. August 2006. |